Bernsteinkette, kaputt

die goldgelbe Bernsteinkette meiner Großmutter faszinierte mich von jeher. Sie trug sie eigentlich immer, auf jedem Foto, in jeder Erinnerung sehe ich die großen runden Perlen, glänzend wie ihr warmes Lächeln. (Nein, falsch, eigentlich waren es mehrere Ketten, aber alle aus Bernstein und die gelbe stach irgendwie besonders hervor.) Lange nach ihrem Tod behielt der Großvater noch die kleine, schwarze Handtasche, darin: Krimskrams, Ausweis und diese Kette. Bis ich sie eines Tages vererbt bekam, saßen wir schon viele Male an ihrem gemütlichen Grab, denn wie lange zuvor geplant wurde dort eine einladende Sitzbank aufgestellt. Ein Ort zum Trauern, vielleicht, aber mehr doch zum Verweilen, Nachdenken, Gedichte lesen.

Mein Großvater war ein Mann der Tat, ständig unter Strom, und so verwunderte es mich zumindest nicht, dass er nach einer gewissen Trauerzeit weiterzog. Er gründete kurzerhand die „Helanka“, ein Club für ältere Bürger des Ortes. Zum Tanzen, Karten spielen, Spaß haben und, wie er selbst sagte, war sein Hauptanliegen von Anfang an, ein Fräulein kennenzulernen. Und schon bald stellte er uns eine sehr nette Dame vor, die bis zum Schluß seine Freundin bleiben sollte. Herzlich, offen, fürsorglich, Hundefrauchen, und sie arbeitete in der Auffangstation für Seehunde. Wenn sie auf der Arbeit war, spielte er ihr Telefonstreiche. Glücklich wie ein verliebter Teenager schaffte er sich ein altes Auto an um mit seinem abgelaufenen Führerschein durch das Städtchen zu tuckern. Ich gönnte es ihm von Herzen. Alles scheint manchmal seine Ordnung zu haben, zumindest für Momente ist man mit der Welt versöhnt.

Über das Arbeitslager sprach er nicht, nur ein Mal erzählte er in einem Nebensatz, er wäre „frech“ gewesen, da hätte ihm einer der Wärter die Zähne ausgeschlagen. Er war recht stolz darauf, dass er sowohl bei den Nazis als auch bei den Kommunisten auf irgendwelchen Feindeslisten stand. Eine meiner frühsten Erinnerungen ist die an meinen Großvater wie er mir zum Einschlafen die Hymnen der Welt auf dem alten Keyboard vorspielt und singt. Am Ende kam immer die Europahymne, von Europa war er sowieso maßlos begeistert.

Oma war zurückhaltender, aber ebenso präsent. Um halb sechs weckte sie mich, nachdem sie Holz gehackt und den Ofen gefüttert hatte, um mit den Hunden zu gehen. Es gab zwei Hunde und fünf Katzen. Opa schimpfte und jagte sie alle aus der Küche, Oma ließ sie wieder heimlich hinein. Sie scherzte gerne, an Weihnachten würden die Tiere anfangen mit uns zu sprechen, rettete im Winter eingefrorene Schwäne und peppelte sie in der Garage wieder auf und sie sang aus vollem Hals während wir morgens am Strand gegen den Wind anliefen.

Früher konnte man wohl an den Stränden noch Bernstein sammeln.

Bernsteinkette

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Projekts „Zimmerreisen“ von Puzzleblume. Beim Buchstaben B wollte ich gerne über die Bernsteinkette meiner Großmutter schreiben, allerdings gibt es von der Kette selbst heute kein Bild, da wir gerade am Umziehen sind und ich sie schon (irgendwo) eingepackt habe. Sie ist irgendwann gerissen und liegt momentan in einer Schachtel, bereit, wieder aufgefädelt zu werden. Spontan habe ich allerdings ein paar Bilder von meiner Großmutter gefunden, die nun hier zu sehen sind, auf oberem trägt sie die Kette. Das hässliche Kind bin nicht ich sondern meine Schwester. Ich war aber auch keine Schönheit.